Überdruck PA, ja oder nein?

Es geschah in einer dieser berüchtigten Wehrführerausschußsitzungen in Bremthal. Aufgrund der bevorstehenden Neuanschaffung zweier Großfahrzeuge und damit verbunden auch von 8 Preßluftatmern, wurde angefragt, ob es nicht sinnvoll sei, auf Überdruck umzusteigen. Angesichts der Tatsache, dass ich mich ganz gern im Internet herumtreibe und auch in diversen Newsgroups und Foren mitmische, bat man mich, doch einmal ein paar Fakten zu sammeln, anhand derer eine Entscheidung gefällt werden kann. Da stand ich nun. Um die Ergebnisse nicht gänzlich für mich zu behalten, entschied ich, die aktuellen Erkenntnisse hier online zu stellen.

Sammeln von Meinungen

Mein erster Schritt war, dass ich erstmal auf die Feuerwehrmann.de - Seiten ging, die Newsserversuche anwarf und mir knappe 100 Beiträge mehr oder weniger stichprobenartig durchlas. Ich fand viele Meinungen, aber leider keine Fakten. Die Meinungen zu Überdruck differieren stark. Maßgebliche Entscheidungsträger der BF Düsseldorf äußern sich strikt gegen den Einsatz von Überdruck. Erklären ihn sogar für gefährlich. Eine Undichtigkeit der Maske habe einen schnellen, unbemerkten Verlust an Atemluft zur Folge... nun genau die eventuelle Undichtigkeit einer Maske ist auch das Argument, dass die Überdruckbefürworter anführen. Eventuelle Atemgifte könnten nicht von außen eindringen. Dies wiederum seien so geringe Mengen, dass sie die Gefahr des überschnellen Druckverlustes nicht rechtfertigen, argumentieren wieder die Überdruckgegner dagegen. Diskussionen zum Thema führen jedesmal zu regelrechten Glaubenskriegen. Aus Meinungen lässt sich also kein Ergebnis gewinnen. Man kann sich höchstens überlegen, ob eine der beiden Seiten die plausibleren Argumente hat. Nun, diese Entscheidung möchte ich nicht fällen.

Suche nach Fakten

Danach begann die Suche nach Fakten. In den Newsgroups von Feuerwehrmann.de, im Forum der Feuerwehr Vockenhausen und in diversen anderen Foren stellte ich die Frage nach Links die einem Fakten zum Thema liefern. Außerdem nahm ich Kontakt mit Björn auf. Auf dessen Seiten war leider auch nichts zu finden. Weder Unfälle, die auf Überdruck zurück zu führen sind, noch welche, die eventuell durch Überdruck hätten vermieden werden können.

Björn konnte mir leider auch nicht weiter helfen. Er gab mir die Adresse eines Draeger Mitarbeiters, mit dessen Hilfe ich einige Fragen zu klären hoffte, die da wären:

Wie sieht es Deutschland aus? Setzt sich Überdruck durch?

Was macht Europa? Hält Deutschland als einziges Land an Normaldruck fest?

Wie sieht es gegebenenfalls mit zukünftigen Normen aus? Auch auf europäischer Ebene...

Natürlich ist bei allen Antworten, die irgendwo zu finden sind zu beachten, dass ggf. Leute bei Ihren Aussagen gewisse eigene Interessen verfolgen. Ich hoffe, dies einigermaßen unterscheiden zu können.

Ergebnisse

Ein paar Hintergründe

Unter Überdruck PAs versteht man Atemschutzgeräte, bei denen ein konstanter Überdruck innerhalb der Maske gehalten wird. Überdruck setzte sich seinerzeit durch, als diverse Helm-Masken Kombinationen Schwierigkeiten mit der Dichtigkeit aufwiesen (Helm Masken Kombinationen haben den Nachteil, dass die Maske wirklich optimal an das Gesicht angepasst werden muss, was bei Spinnenmasken teilweise durch die Spinne ausgeglichen werden kann). Bedingt ist dieses Problem bei HMK durch die Bauart. Im Gegensatz zur Spinnenmaske, die 5 Haltepunkte hat, gibt es bei HMK nur 2. Jeder, der behauptet, dass man mit 2 Haltepunkten ein stabiles und dichtes System hinbekommt, sollte sich diese Aussage noch einmal überlegen. Die Schwierigkeiten mit der Dichtigkeit wurden durch Überdruck zwar nicht verhindert, wohl aber das Symptom gelindert. Rauchgase, bzw. Rauchpartikel, die vorher in die Maske eindringen konnten, werden daran nun durch den permanenten Überdruck in der Maske gehindert. Es zeigte sich, dass Überdruck auch noch einen anderen Vorteil brachte: Der Einatemwiderstand ist bedeutend geringer, als das bei Normaldruckgeräten der Fall ist. Laut einer Untersuchung der BF München, die einen 2000m Lauf unter PA veranstaltete sinkt der Luftverbrauch unter PA mit Überdruck, bei dicht sitzender Maske, sogar gegenüber Normaldruck. Eine verkürzte Einsatzdauer ist in der Regel bei Undichtigkeiten und Bartwuchs zu erwarten.

Probleme mit CSA

Nach ersten Rückmeldungen in den Feuerwehrmann - Newsgroups ergaben sich im Laufe der Jahre des öfteren Probleme mit CSA und Überdruckgeräten. Gerade beim Tragen der Chemieschutzanzüge machte sich oft eine erhebliche Verkürzung der Einsatzzeit bemerkbar. Neben der stellenweise verkürzten Einsatzdauer kommt noch ein Aspekt hinzu, der mir bis zu einem Besuch von U.Cimolino in Eppstein unbekannt war: Je nach Bewegungsablauf im CSA kann sich im Anzug ein Überdruck aufbauen(etwas höher, als der "normale"), der dazu führt, dass, technisch bedingt, nicht mehr aus der Maske ausgeatmet werden kann und somit die Maske auch nicht mehr beatmet werden kann. Sogar von einem Beinaheunfall aus diesem Umstand heraus ist die Rede. Näheres dazu habe ich aber noch nicht gefunden. Ich bin dankbar für jeden Hinweis. In punkto Überdruck unter CSA herrscht mittlerweile auch bei Überdruckbefürwortern die Überzeugung, dass diese Kombination ungeschickt und bisweilen sogar gefährlich ist.

Unfälle unter Überdruck

Auf meine Anfrage in der Newsgroup bekam ich eine Email, in der ein Kamerad schilderte, dass ihm bei einem Einsatz unter PA die Maske unbemerkt verrutschte. Durch den dadurch zustande gekommenen Druckverlust wurde er gezwungen, noch beim Rückzug die Maske abzusetzen, um überhaupt nach atmen zu können. Der Kamerad bemerkte beim Einstieg in das Gebäude eine Undichtigkeit seiner Maske. Er richtete sie neu und konnte danach keine Undichtigkeit mehr feststellen. Die Einsatzstelle im Gebäude lag in der Nähe des Einstiegsfensters, ein Umstand, der Schlimmeres verhinderte.

Wider erwarten zeigte die Maske trotzdem eine Undichtigkeit. Diese blieb unbemerkt. Erst beim Ertönen der Restdruckwarneinrichtung bemerkte der Kamerad, dass sein Luftvorrat schneller, als erwartet zur Neige gegangen war. Trotz des sofortigen Rückzugs musste er noch vor dem Fenster die Maske abnehmen, da sein Vorrat leer war. Näheres zu diesem Unfall gibt es hier. Ein weiterer Beinaheunfall aus dem Jahr 1994 findet sich mittlerweile auf Atemschutzunfaelle.de im Bereich "Beinaheunfälle". Der (fast) Geschädigte seinerzeit war Uli Cimolino. In dessen Buch "Atemschutz" (ecomed Verlag) sind auch einige Punkte aufgelistet, die bei der Beschaffung von ÜD Geräten auf jeden Fall beachtet werden sollen.

Der Einsatz von Filtern

Der Einsatz von Filtern ist mit Überdruckmasken und Filtern mit entsprechendem Anschluss möglich. Allerdings ist hierbei zu beachten, dass zu dem erhöhten Einatemwiderstand, der durch den Filter bedingt ist, zusätzlich noch ein erhöhter Ausatemwiderstand kommt, der seinen Ursprung in der Maske findet. Ob man den Einsatz von Filtern auf Überdruckmasken unter diesen Gesichtspunkten als sinnvoll ansieht, bleibt jedem selbst überlassen.

Verkaufszahlen

Laut Aussage eines Draeger - Mitarbeiters ist die Zahl der verkauften ÜD - Geräte in Deutschland mittlerweile höher, als die von Niederdruckgeräten. Auch steigt die Zahl der verkauften "Klick" - Verschlüsse, die, seiner Aussage nach, die momentanen Schraubverschlüsse langsam ablösen. Laut einem NG - Beitrag sei bei diesen aber die manuelle Dichtprobe nicht mehr, oder nur schwer möglich. Nach Draeger - Informationen bleiben die Feuerwehren, die Überdruckgeräte gekauft haben, auch meistens bei diesen. Eine Wehr, die von ÜD zurück auf Normaldruck geht, sei nicht bekannt. Belastbare Zahlen hat aber auch die Firma Draeger nicht anzubieten.

Die Sache mit den Schadstoffen

Verkaufsargument Nummer 1 für Überdruck ist, dass durch den ÜD in der Maske keinerlei Schadstoffe mehr bei Undichtigkeiten in die Maske gelangen kann. Das stimmt auch und ist nicht zu widerlegen. Es stellt sich allerdings die Frage, wieviel ppm an Schadstoffen in eine ND Maske gelangen, wenn diese zu Beginn des Einsatzes dicht war und erst im Laufe des Einsatzes undicht wird. Wenn man diese Frage ehrlich betrachtet, kommt man zu dem Ergebnis, dass der PA Träger, der unter einer solchen Maske atmet im Endeffekt immer noch weniger Schadstoffe einatmet, als jeder, der sich im "Freien", vor dem Brandherd aufhält und kein PA, oder Filter trägt. Natürlich nur, wenn diejenigen im Freien nicht gerade gegen den Wind stehen. Das Argument "Schadstoffe" ist zwar damit nicht völlig entkräftet, aber es muss sich jeder, der dieses Argument pro ÜD anbringt fragen lassen, ob es nicht erstmal sinnvoller wäre, das Geld für Filter auszugeben, um seine Kameraden ohne PA vor einer bedeutend höheren Menge an Schadstoffen zu schützen. Der Abschlussbericht zum Großbrand in Lengerich sieht nach U. Cimolinos Aussage vor, dass für jeden Sitzplatz in einem Feuerwehrfahrzeug eine Maske mit Filter vorgehalten werden soll. Hier greift wieder die Überlegung, ob man ÜD Masken mit Filter einsetzt, oder 2 Systeme fährt, wenn man sich denn für ÜD entschieden haben sollte. Hintergrund für diese Forderung war eine größere Anzahl von Feuerwehrleuten, die Rauchvergiftungen erlitten, als bei einem Großbrand der Wind drehte und die Rauchwolke ungeschützte Feuerwehrleute im Außenangriff erfasste.

Die Kosten

Mehrkosten bei der Anschaffung

Ca. 50-60 Euro höherer Anschaffungspreis für Überdruck Lungenautomaten gegenüber Normaldruck Lungenautomaten. Dabei sind Lungenautomaten mit Einheitssteckanschluss ca 10 Euro billiger, als Schraubanschlüsse.
30-40 Euro höherer Anschaffungspreis für Überdruckmasken.

Mehrkosten bei Umstellung

Wenn man von einer Umstellung ausgeht, muss man realisieren, dass von der, ggf vorhandenen, Normaldruckausrüstung nur noch Gestelle und Flaschen verwendbar sind,weshalb obiger Vergleich nur die Folgekosten betrifft. Für die Umstellung wären folgende Faktoren wohl eher ausschlaggebend. LA ÜD Steck: 270 - 280 Euro LA ÜD Schraub: 280 - 290 Euro MA ÜD Steck und Schraub: 170-180 Euro

Wieviel das jetzt bei der jeweiligen Wehr ausmacht, kann schätzungsweise jeder selbst errechnen.

Sonstige Fakten

Alles Fragen und betteln half bislang nichts. Die Frage "Überdruck ja oder nein" bleibt vorerst eine Frage der eigenen Meinung. Sobald es Fakten zum Thema gibt, werde ich sie hier veröffentlichen... bis dahin muss jeder für sich die Frage stellen, ob ein System, dessen Vorteil nicht definitiv erwiesen ist, tatsächlich enorme Mehrausgaben rechtfertigt.

Mittlerweile habe ich mich persönlich zu der Meinung durchgerungen, dass ÜD - Geräte eine unnötige finanzielle Belastung für die, sowieso schon niedrigen, Feuerwehretats ist... aber das kann jeder anders sehen.

Die Diskussion zum Thema findet sich hier. Diskutieren sie mit...

Ingo Horn, FF Vockenhausen

Natürlich konnte ich all diese Informationen nicht alleine zusammenstellen. Ich möchte mich daher bei Uli Cimolino, Björn Lüssenheide, Hansi Stellmacher, der Fa. Draeger, den Feuerwehrmann Newsgroups und den Postern im Atemschutzforum auf www.feuerwehr-vockenhausen.de bedanken.